Was Fussball über Führung lehrt: Vom Acker in Ghana zur Kaderplanung beim FCB
Ein Interview mit Philipp Kaufmann
von Dr. Elena D’Cruz
30. März 2026
Philipp Kaufmann war Geschäftsführer Sport beim VfL Osnabrück und zuvor Kaderplaner und Sportkoordinator beim FC Basel 1893. Was ihn und Coopers verbindet: die Überzeugung, dass Menschen mehr als eine Ressource sind. Ein Gespräch über Führung, Potenzial und Verantwortung.
Es gibt Momente, die einen erden. Für Philipp Kaufmann war es ein staubiger Platz in Accra, Ghana. Zwei Schweizer am Rand, 22 junge Männer auf dem Feld, dazwischen Hühner. Und eine Energie, die er so nie wieder erlebt hat.
"Die haben um ihr Leben gespielt. Weil zwei Schweizer Männer da standen, die vielleicht ihr Ticket fürs ganze Leben sein könnten."
Er macht eine kurze Pause, schaut einen Moment ins Leere. Dann: "Das erdet dich. Das trägt man mit sich."
Kaufmann, Jahrgang 1994, hat als Kaderplaner beim FC Basel 1893 gearbeitet. Er kennt beide Seiten des Fussball-Geschäfts: die emotionale und die strategische. Und er ist überzeugt, dass sich die eine ohne die andere nicht denken lässt.
23 im Kader. Platz für 11.
Coopers: Was hat dich an der Führungsaufgabe im Fussball am meisten überrascht?
Kaufmann muss nicht lange überlegen. "Die Zahl 11. Du baust einen Kader für 23 Feldspieler. Aber beginnen können nur 11. Der Rest sitzt auf der Bank, davon kommen maximal 5 rein, 4 weitere werden nochmal enttäuscht. Und am Montag müssen alle wieder voll dabei sein.
Das ist der grösste Unterschied zur Privatwirtschaft. Du enttäuschst jede Woche einen Teil deiner Leute. Und trotzdem musst du eine harmonische Truppe haben, die am nächsten Wochenende für dich kämpft."
Ein Trainer führt rund 25 Personen unter diesen Bedingungen. Keine halbjährlichen Mitarbeitergespräche. Keine langfristigen Entwicklungspläne als Ausweichmanöver. Nur der nächste Samstag. Was das braucht? Empathie. Fingerspitzengefühl. Die Fähigkeit, Menschen zu lesen und individuell abzuholen. "Das ist fast wichtiger als das komplette Fussball-Wissen", sagt Kaufmann.
Performance heute, Potenzial morgen
Coopers: Wie planst du einen Kader, wenn du gleichzeitig heute gewinnen und morgen entwickeln musst?
Kaufmann: "Kaderplanung ist weit mehr als nur Einkauf, sie ist ein langfristiges, multidimensionales Puzzle und ein permanenter Balanceakt zwischen Stabilität und Entwicklung. Es braucht eine funktionierende Achse, sogenannte Säulen- oder Führungsspieler, die mit Erfahrung, Persönlichkeit und Stabilität das Fundament bilden. Rundherum spielt Potenzial eine grössere Rolle, hier können gezielt junge oder entwicklungsfähige Spieler integriert werden, mit einem klaren Plan, wie sie sich sportlich entwickeln und perspektivisch auch einen wirtschaftlichen Mehrwert generieren können.
Die Herausforderung besteht darin, die richtige Balance zu finden. Zu viele Veränderungen auf einmal können die Stabilität einer Mannschaft gefährden, denn jeder neue Spieler benötigt Adaptionszeit. Und wenn ein neuer Trainer kommt, verändert sich das Bild nochmal."
Ende Januar 2026 trennte sich der FC Basel von Ludovic Magnin, wenige Stunden später stand mit Stephan Lichtsteiner sein Nachfolger fest. Plötzlich werden andere Eigenschaften wichtig. Ein Team, das hoch presst, braucht andere Profile als eines, das tief steht und kontern will.
"Du musst langfristig planen und gleichzeitig flexibel bleiben. Unmittelbar und langfristig brauchen eine gute Balance."
Mentaltraining ist kein Tabu mehr
Coopers: Hat sich die Arbeit mit Spielern in den letzten Jahren verändert?
Kaufmann nickt. "Mentaltraining war vor zehn Jahren fast tabu, eine Schwäche. Heute gehört es zum professionellen Umfeld dazu. Spieler reflektieren ihre Persönlichkeit, arbeiten mit Sportpsychologen, analysieren Verhaltensmuster. In Osnabrück war ein Sportpsychologe 50 Prozent angestellt, zwei Tage pro Woche vor Ort und zugänglich für alle. Spieler konnten selbst entscheiden, in welcher Form sie das nutzen wollten."
Aber der entscheidende Schritt bleibt immer derselbe, betont Kaufmann: "Der Spieler muss selbst offen dafür sein, sprich einen Coach oder Sparringpartner haben, der ihm in unterschiedlichster Form zur Seite stehen kann."
Zahlen helfen. Aber am Ende musst du Menschen führen.
Transfermarkt, Video-Scouting, Daten: Das alles ist heute Teil des Prozesses. Es ersetzt das Menschliche trotzdem nicht. Zahlen helfen, den Richtigen auszusuchen, aber am Ende muss es im Team funktionieren.
Coopers: Würdest du einen Top-Performer ablehnen, wenn er kulturell nicht passt?
Die Antwort kommt ohne Zögern: "Ja."
Kaufmann nennt ein Beispiel aus Osnabrück. Ein Spieler, der auf dem Platz geliefert hat, aber sich im Umfeld nie wirklich wohl fühlte. Integration, Sprache, kulturelle Anpassung: Bei kleineren Clubs mit weniger Ressourcen wiegen solche Faktoren besonders schwer. "Damit ein Mensch 100 Prozent leisten kann, muss er sich wohlfühlen."
Fussball ist kein Produkt. Es ist ein Beziehungsgeschäft.
Wer einen Spieler verpflichtet, verhandelt nicht nur mit ihm. Er verhandelt mit dem Berater, der Familie, manchmal mit dem ganzen Dorf. Bei jungen Spielern aus bestimmten Regionen Afrikas ist ein Wechsel keine persönliche Entscheidung. Es ist eine kollektive.
Coopers: Was ist dein Ass im Ärmel, wenn ein Transfer auf der Kippe steht?
"Es gibt kein Universalmittel. Es geht um Überzeugungsarbeit. Darum, zu vermitteln: Wir wollen dich wirklich. Und wir tun alles dafür." Eine persönliche Geste. Ein Treffen. Eine Videobotschaft. Der Schlüssel ist immer derselbe: echtes und ehrliches Interesse zeigen.
Offensiv. Auch wenn es 5:4 ausgeht.
Coopers: Eher 1:0 oder 5:4, wie würdest du deinen eigenen Stil beschreiben?
Kaufmann lehnt sich kurz zurück. "Ich tendiere zum Fokus. Lieber ein klares Skill-Set, von dem man überzeugt ist, als alles wollen und nichts wirklich gut machen." Und spielerisch? Er steht für offensiven, attraktiven, risikobereiten Fussball. "Das ist in der Privatwirtschaft genauso. Manche Firmen sind innovativ und risikofreudig. Die anderen stehen tief und verwalten."
Er weiss, für welche Seite er steht.
Was bleibt vom Acker in Accra
Zwei Spieler hat Kaufmann damals verpflichtet. Einer von ihnen ist Jonas Adjetey, geboren 2003 in Accra. Der Innenverteidiger entwickelte sich beim FC Basel zum Stammspieler und wechselte im Februar 2026 in die Bundesliga zum VfL Wolfsburg.
"Wenn ich heute sehe, wie sich ein Spieler entwickelt, dann weiss ich wieder, warum wir das machen."
Die Reise hat ihn etwas gelehrt, das kein Datensatz replizieren kann: dass Hunger nach Entwicklung eine der stärksten Kräfte im Fussball ist. Und dass man sie nur erkennt, wenn man hinschaut. Wirklich hinschaut.
"Es geht nicht nur um Fussball. Es geht darum, Menschen eine Chance zu geben."
Wir danken dir für deine Zeit und deine Einblicke, Philipp.